"Menschin! Was ist denn die DDR? Kann man da hinfahren?"
Ich war gerade durch die Tür durch. Ich zog irritiert meine Jacke aus und folgte dem Ge-Drrrr ins Wohnzimmer. Dort saß mein Gürteltier auf meinem alten Diercke-Weltatlas.
"Man kann da schon hinfahren, aber die DDR gibt es nicht mehr", sagte ich. "Die wurde abgeschafft."
"Abgeschafft? Ich wußte gar nicht, daß man ein Land einfach so abschaffen kann!"
"Na ja, also einfach war das bestimmt nicht. Aber was machst du denn da eigentlich?", fragte ich neugierig.
"Na, ich schau nach, wohin wir dieses Jahr in den Urlaub fahren."
"Ach so. Zuerst maulen, daß wir dauernd weg sind, und jetzt schon wieder Reisefieber kriegen? Dem kann geholfen werden, wir fahren nämlich am Freitag wieder nach Nürnberg."
"Ich meinte doch im Urlaub-Urlaub. Dieses mal will ich in kein Hotel. Ferienwohnung ist viel gemütlicher, da kann man im Schlafanzug frühstücken... und ans Meer will ich auch, und..."
Ich unterbrach mein Gürteltier kurz: "Das dürfte schwierig werden...Du sitzt mitten in der Sahara."
Neville schaute kurz unter sich, und drrrrte dann verlegen: "Ich war doch noch gar nicht fertig mit blättern, wie du gekommen bist."
"Na schön, dann blätter mal weiter."
"Schau mal, hier ist Deutschland... Wir haben aber sehr wenig Meer zur Auswahl. Wolltest du nicht mal nach St. Peter Dingsda, Frauchen?"
"St. Peter Ording. Ja, aber das ist arg teuer. Such mal weiter."
"Und Wyk? Du wolltest mir doch Wyk mal zeigen. Das wär doch was. Oder, schau mal, was ist das denn hier?"
Ich sah Neville über die Schulter. "Das da? Das ist Sylt."
"Kann man da hinfahren?"
"Kann man. Da war ich auch noch nicht."
"Sieht lustig aus! Da will ich hin!"
"Das ist aber auch nicht grade günstig. Wir wollten doch die Wohnung noch so schnell wie möglich abzahlen, und wer weiß, ob dieses Jahr die Fassade gedämmt werden soll..."
Ein kurzer Blick in große, traurige Gürteltieraugen ließ mich innehalten.
"Mehe-hen-schin?"
"Na schön, wir schauen einfach mal. Vielleicht finden wir ja was passendes."
Als ich mein Gürteltier kurz vor Weihnachten schon wieder in die Tasche verfrachtete, erntete ich ein empörtes "DRRRR! Menschin! Nicht schon wieder! Ich wollte doch den Weihnachtsbaum noch aufstellen und Geschenke einpacken und..."
Ich unterbrach Neville, und versprach ihm, daß wir doch Weihnachten wieder daheim sind.
"Na schön. Und wo soll es hingehen?"
Ein klein wenig war er versöhnt, als er erfuhr, daß wir zu den Sitzkuhlen fuhren...
"Na ja. Wenigstens etwas, was die BG kann... Schau mal, die warnen vor warmen Wasser. Vorbildlich. Aber von den unfertigen Leitungen, die aus unfertigen Decke im Flur hängen, hast du kein Bild gemacht?"
"Na, wenigstens haben sie so war ähnliches, wie Weihnachtsdeko. Aber ein Weihnachtsmenü haben wir nicht bekommen..."
Ein kurzer Zwischenstopp daheim über Weihnachten reichte gerade, um Wäsche zu waschen, zu wechseln und das Gürteltier in eine andere Tasche zu setzen. Diesmal auf nach Miltenberg zum Silvester feiern. Das kannte Neville ja schon von letztem Jahr.
Diesmal bekam Neville aber am ersten Morgen riesengroße Augen:
"Menschin, drrrrr dir das mal an! Da hat jemand ganz viel weißes Zeug verteilt! Was ist das denn?"
Das, sagte ich, ist Schnee.
"Schnee? Oh, das sieht aber schön aus! Kann ich mir das mal aus der Nähe ansehen?"
Die Gelegenheit ergab sich dann auch recht schnell, als wir noch ein paar Caches einsammeln gingen. Ein kurzer Hüpfer brachte das Gürteltier von meinem Arm in den Schnee. Dort hopse er ein paar Schritte, drrrrrte leise vor sich hin und trat dann von einem Bein auf das andere.
"
F-Frauchen? *zitter* M-Muß das so kalt sein? D-d-darf ich wieder auf deinen Arm?"
Das anschließende Entenfüttern wurde also wieder aus wärmerer Umgebung beobachtet, wenn er auch ab und zu noch einen nassen Fuß schüttelte und sich daheim gleich ins Bett flüchtete...
Am Montag tapste ich noch halb verschlafen in die Küche. Dort war ich allerdings schlagartig hellwach, nachdem ich mein Gürteltier halb im Sprung auf den Schrank vorfand. Ein kurzes "Haaalt" stoppte das Gürteltier mitten im Schwungholen.
"Neville, was machst du denn da?" fragte ich nach (und wunderte mich, wie ein Gürteltier den Reiskocher auf die Dose ect...).
Unschuldig blickten mir zwei Augen entgegen.
"Nüüüchts", versicherte mir Neville, nicht ganz überzeugend.
"Kann es sein, daß du auf den Schrank klettern wolltest, weil da der Adventskalender ist?"
Ein gestreiftes Ohr zuckte verräterisch.
"Öhm, drrrr, na ja, vielleicht schon?"
Ich grinste. Dann nahm ich mein Gürteltier und den Adventskalender unter den Arm und setzte beides auf dem Wohnzimmertisch ab.
"Na, dann such mal schön. Du darfst nur das erste Türchen aufmachen", erklärte ich.
"Ich hab´s!" Neville hüpfte aufgeregt auf und ab. "Schau mal. Ein... weihnachtliches Nilpferd?"
"Menschin? Nilpferde zu Weihnachten sind toll. Vor allem die aus Schokolade...."
Gestern kam ich nach Hause und wurde schon im Flur begrüßt.
"Menschin, schau mal". Neville stand mitten im Weg und wedelte mit der Zeitung.
"Heute wird der Weihnachtsmarkt eröffnet. Gehen wir da hin? Jetzt? Gleich? Biiiitteeee!"
Wer kann schon großen, leuchtenden Gürteltieraugen widerstehen... Wir machten uns also auf den Weg.
"Schau, Menschin, da ist wieder die große Pyramide!"
Am mittelalterlichen Teil des Weihnachtsmarktes sahen wir uns dann die Eröffnung mit allerley Gaukeley und Dambedey Dambedei an...
... und bekamen bei dem ganzen Gelächter und Rumgestehe Hunger...Neville wollte unbedingt wieder eine Thüringer Bratwurst von dem einen Stand, "wo sie ganz drrrr lecker sind."
"Menschin, nu gibt schon her, lass mich beißen, mein Magen hängt schon unterm Tisch!"
Auf dem Heimweg sahen wir beinahe noch den Weihnachtsmann. Neville hielt aufgeregt Ausschau, aber er war nicht zu sehen.
"Wo ist er denn nu? Ob er auch noch schnell was einkaufen ist? Was macht er eigentlich, wenn es regnet? Hat so ein Schlitten kein Verdeck?"
Diese Frage konnte ich ihm leider auch nicht beantworten, versprach aber, nachzufragen, sollte ich ihm über den Weg laufen. Damit gab sich Neville zufrieden.
Für einen Glühwein war es dann aber doch zu warm. Den tranken wir dann gemütlich auf der Couch bei einem Film über Pinguine. Da friert es einen schon automatisch...